Diejenigen, die mich persönlich kennen, wissen, ich bin ein geborenes Landei. 18 Jahre lang aufgewachsen an frischer Luft, zwischen Wiesen, Feldern und Wäldern. Ich habe es gehasst.

Klassenkameraden aus der Stadt treffen sich noch am Abend oder gehen feiern. Aber als Landei ist man da ein wenig aufgeschmissen. Der letzte Bus fährt Abends um 6 Uhr und der nächste fährt am Samstagvormittag erst um 9 Uhr. Man ist ein wenig aufgeschmissen. Ohne Moped oder Auto. Mal ein Bierchen beim Feiern? Geht dann aber auch nicht. Gerade als Jugendlicher, der gerade mal das erste Motorkraftfahrzeug bewegen darf.

Heute bin ich mittlerweile sehr gerne draußen. Auf dem Land. Wo noch Ruhe herrscht. Weg von der Hektik der Städte, weg vom Lärm. Auf dem Land, dort, wo meine Eltern noch heute wohnen, ist der perfekte Ort zum Entspannen, um den Kopf frei zu bekommen, um einfach mal die Seele baumeln zu lassen.

Aber die ländliche Region stirbt immer mehr aus. Der Grund dafür ist relativ schnell gefunden. Es mangelt an Infrastruktur. In den Städten, da finden wir Internet mit Glasfaser, wer möchte sogar Gigabit-schnell und wessen Nutzfläche noch nicht erschlossen ist, der kann sich die Leitungen mit sehr überschaubaren Kosten legen lassen. Aber es ist nicht nur das Internet. Der Lieferverkehr muss sich zum Teil mühseelig über enge Landstraßen quetschen, welche für den Verkehr nicht ausgelegt sind und über die Schiene? Nun ja, die baut man zurück.

Die Schiene, ja darauf wollte ich hinaus. Als kleiner Bub wollte ich immer Lokführer werden. Wenn am Kindergarten, der mit einer Ecke des Geländes an die Bahnstrecke grenzte, die Prignitzer Eisenbahn (PEG) mit ihren Schienenbussen vorbei fuhr, dann war ich fast immer am Zaun um nach dem Zug zu schauen. Das war irgendwann zwischen 1997 und 2000. Da gab es auf der Strecke hin und wieder sogar Güterverkehr. Dann wurden die ganzen Wagen gezählt und gestaunt, wie dieser laute, schwere, gewaltige, lange Zug auf der Schiene, scheinbar fast mühelos vorbeizog.
Meine Großmutter väterlicher Seite wohnte in Wittstock direkt gegenüber vom Bahnhof. Sobald ich die Zugpfeife höre war ich auch da am Hoftor und wehe es stand offen, dann bin ich noch auf den aus Beton gebauten, massiven Prellbock geklettert und hab von da geschaut. Da wollte mir sogar meine Mutter einst eine Freude bereiten. Sie fuhr mit mir im Zug zurück nach Hause. Mein Vater, der durfte allein im Auto zurückfahren.
Meine Patentante fuhr mit mir und ihrem Mann zusammen nach Berlin in den Zoo. Hätte sie gewusst, dass ich lieber nach der Stadtbahn und den Zügen geschaut habe, hätte sie sich bestimmt was anderes ausgedacht.


Die Ausflüge von der Ganztagsbetreuung in den Ferien waren immer Highlights. Denn entweder ging es nach Kyritz ins Jugendzentrum, oder nach Neuruppin, ganz selten auch mal nach Berlin. Immer mit dem Zug. Das war toll.
Anfang der 2000er Jahre modernisierte die PEG ihren Fuhrpark und fortan dieselten nicht mehr die Uerdinger Schienenbusse durch den Nordosten Brandenburgs, sondern geräumige, niederflurige, klimatisierte Regioshuttle von Stadler.
2004 wechselte ich dann die Schule. Von der Grundschule im Nachbardorf auf das Gymnasium in der Kreisstadt. Es hat ein paar Wochen gebraucht, bis ich begriffen habe, dass ich auch den Zug nehmen kann. Klar, der Bus war komfortabel, fuhr er doch direkt vor meiner Haustür ab. Doch die Eisenbahn war viel toller. Also lief ich morgens 10 Minuten zum Bahnhof, nahm den Zug und fuhr mit ihm in die Stadt um von dort aus mit dem Stadtbus weiter zur Schule zu fahren.
Ich kam mehr und mehr mit dem Zugpersonal ins Gespräch, durfte bei dem einen oder anderen Lokführer über die Schulter schauen und auf mit den meisten Fahrdienstleitern vom Bahnhof Wildberg verstand ich mich hervorragend und konnte so den einen oder anderen Ferientag im Stellwerk verbringen.

Bahnhof Wildberg (b Neuruppin) in seinem ursprünglichen Bauzustand, Postkarte aus "Wildberg. Eine Fotochronik." von Egbert Zemlin

Für den Personenverkehr wurde die Strecke Neustadt - Herzberg im November 1902 eröffnet. Dabei wurde sie so gebaut, dass sowohl Güter- als auch Personenverkehr über diese Strecke abgewickelt werden konnten. Bis zur Stilllegung und dem darauf folgendem Rückbau besaß der Bahnhof Wildberg vier Gleis. Eines zum Be- und Entladen von Güterzügen, auf den anderen drei Gleisen konnten Züge fahren und Kreuzen. Dabei zog sich der Bahnhof von kurz vor dem Bahnübergang mit der B167 bis kurz hinter den Feldweg, der Kerzlin und Lüchfeld verband. Zu Zeiten der Deutschen Reichsbahn (DR) in der DDR wurde der Bahnhof sowohl für Personen- und Güterverkehre rege genutzt. Der Bahnhof war trotz seiner ländlichen Lage, im Vergleich zu vielen heutigen Bahnhöfen, sehr gut ausgestattet. Ein Wartesaal und eine Bahnhofsgaststätte gehörten, neben einem Fahrkartenschalter, zur Ausstattung. Zu einem späteren Zeitpunkt wurde die rechte Seite vom Gebäude noch um ein Stockwerk erweitert. Die Gaststätte hingegen schloß hingegen 1952 dauerhaft.

Das erweiterte Bahnhofsgebäude im Jahr 1980. Aus "Wildberg. Eine Fotochronik." von Egbert Zemlin

Nach der Wende kamen viele Strecken in Brandenburg in den Blickpunkt der Sparmaßnahmen der neugegründeten DB AG. Viele Strecken in der Prignitz, aber auch die Verbindung von Neuruppin nach Neustadt(Dosse) schien nicht mehr lukrativ genug. Ein ehemaliger DB-Mitarbeiter, Thomas Becken, gründete 1996 die Prignitzer Eisenbahngestellschaft und übernahm mit seinen kostengünstigeren, gebrauchten Schienenbussen auch diese Strecke und es reichte Anfang der 2000er Jahre sogar für neue Schienenfahrzeuge. Wochentags wurde auf der Strecke ein stündlicher Verkehr in beide Richtungen angeboten, an Wochenenden und Feiertagen ein 2-Stunden-Takt. Dadurch musste Montags bis Freitags in Wildberg gekreuzt werden. Das war leider nicht ganz so einfach, wenn Wildberg besaß nur ein Bahnsteiggleis. Deswegen musste der zuerst eingetroffene Zug, meistens der aus Neustadt(Dosse), nach seinem Halt am Bahnsteig einen Richtungswechsel machen und als Rangierfahrt wieder über den Bahnübergang der B167 hinter das Wartezeichen rangieren, dort noch einen Richtungswechsel absolvieren und auf das Lichtsignal Sh1 warten, bevor dann der Bahnhof durch Gleis 2 bis zum Ausfahrsignal als Rangierfahrt durchquert werden konnte. War der Zug aus Neustadt(Dosse) verspätet, konnte auch der Zug aus Neuruppin zuerst an den Bahnsteig fahren und rangierte dann von Gleis 1 über den Bahnübergang und zurück nach Gleis 2 um dort hinter dem Ausfahrsignal auf den Gegenzug zu warten. Leider aber wurde dem Land der Bahnverkehr zu teuer, die Strecke war den Verantwortlichen nicht genügend ausgelastet und so wurde zum Fahrplanwechsel 2006/2007 die Strecke endgültig stillgelegt.

Ein RegioShuttle VT 650 der PEG überquert den Bahnübergang der B167 im Bahnhof Wildberg (b Neuruppin). Aus: "Wildberg. Eine Fotochronik." von Egbert Zemlin

Heute fahren dort hin und wieder Züge. Die Strecke wurde von der RegioInfra Nord-Ost erworben und wickelt dort nun einen Schienengüterverkehr ab.
Die Stilllegung mag vielleicht auch darin begründet sein, dass der Landkreis bereits Jahre im auf nahezu gleichem Laufweg einen regelmäßigen Busverkehr bestellte, welcher der Schiene stets Konkurrenz machte und doch, viele Wildberger sind über diese Streichung noch heute traurig. Die Busse auf der konkurrierenden Linie 711 verfügen heute zwar mittlerweile auch über Klimaanlagen, doch die Mitnahme von Fahrrädern oder Kinderwägen gestaltet sich dort noch heute schwierig. Noch heute kommt der Bus nicht an die Zeiten ran, zu denen die Bahn fuhr und für viele bleibt seitdem auch heute nur eine Alternative um zur Arbeit und wieder nach Hause zu gelangen: Das Auto.

Foto: pro-schiene.de