Wer als Lokführer arbeitet, der weiß was er den kommenden Monat zu arbeiten hat und findet seine Schichten von der ersten bis zu letzten Minuten durchgeplant vor. Doch es gibt Ausnahmen: Bereitschaften.

Eine Bereitschaft kann entspannt werden, manchmal zu entspannt. Aber es gibt auch Bereitschaften, da kommt man kaum eine Minute zur Ruhe. Es gibt Kollegen, die mögen Bereitschaften überhaupt nicht. Denn alles, was da passiert ist in den seltensten Fällen geplant. Man weiß nur: Es ist Bereitschaft und irgendwo sind 30 Minuten Pause vorgesehen, die in Absprache mit der Leitstelle auch an ganz anderer Stelle stattfinden kann. Das man in Bereitschaften aber auch völlig aus dem bekannten Arbeitsumfeld gerissen werden kann, wurde mir schon sehr früh beigebracht. Da war ich noch in der Ausbildung und mein Ausbilder hatte mit mir zusammen eine Bereitschaft.
Nun war mein Ausbilder nur für den Einsatz zwischen München und Füssen/Memmingen und dem Fugger-Express vorgesehen und auch mein künftiger Einsatz sollte erstmal nur auf den Fugger-Express begrenzt sein.
Nun wollte man in München an jenem Tag die Verspätung eines Zuges vom Ringzug Ost (München - Regensburg - Nürnberg) kürzen und plante dafür, zur planmäßigen Abfahrt der Rückleistung nach Nürnberg, einen Ersatzzug bis Landshut zu schicken. Dort würden die Reisenden auf den eigentlichen Zug umsteigen und könnten die Fahrt ohne nennenswerte Verspätung fortsetzen.
Dabei war die Strecke zum damaligen Zeitpunkt unbekanntes Terrain und nicht jedem gefällt, dass man auf völlig anderen Strecken, mit bekanntem Fahrzeug, fahren soll. Meinem Ausbilder und mir gefiel es jedenfalls.

Die ganzen Bereitschaften, die ich nach dem Ende der Ausbildung machen sollte, hatten eigentlich alles was "normales". Mal übernahm ich Leistungen, wo Kollegen krankheitsbedingt fehlten, mal fuhr ich Ersatz um Auswirkungen einer Störung für Fahrgäste gering zu halten und manchmal übernahm ich verschiedenste Werkstattfahrten. Aber alles auf bekannter Schiene und mit bekanntem Fahrzeug.

Dann wurde umstrukturiert. Ich bekam einen neuen Teamleiter, eine andere Leitstelle, einen anderen Disponenten und eine gute Hand voll bisher für mich unbekannter Strecken und Fahrzeuge. Mittlerweile bin ich auf fast allen eingesetzten Baureihen ausgebildet, lerne gerade den Umgang mit der LZB und bin auch auf den Strecken, wo noch rote Züge planmäßig fahren, kundig.
So kam ich auch kürzlich zur Bereitschaft. Relativ früh erfuhr ich, dass mich in jener Bereitschaft nicht unbedingt eine alltägliche Aufgabe erwarten würde. In Prien sei eine Bauzuglok entgleist, DB Netz ist mit ihrer Notfalltechnik vor Ort im Einsatz, DB Regio halt mit einer Lok und einem Lokführer aus, um den Hilfsgerätewagen an die Ereignisstelle zu bringen. Aber der Lokführer vor Ort würde über seine Arbeitszeit kommen und irgendwie müssen Lok und Hilfsgerätewagen wieder nach München. Ich sollte einspringen, damit der Kollege rechtzeitig zum Feierabend wieder in München ist und ich im späteren Verlauf den Hilfszug wieder an seinen vorgesehenen Platz bringe. Dabei konnte ich in Prien beobachten, was man garantiert nicht täglich sieht: Wie eine Lok wieder ins Gleis kommt. Kein leichtes Unterfangen, wo es viel Geschick, Köpfchen und vor allem auch viel Muskelkraft braucht. (Letztere habe ich wohl eher nicht, aber ich sollte ja eh nur den Zug fahren)

Nachdem die entgleiste Lok wieder auf den Schienen stand und die Sperrung aufgehoben wurde, durfte ich dann langsam zur Tat schreiten um die Zugfahrt zurück in die bayerische Landeshauptstadt vorzubereiten. Auf einer Strecke, die ich nur als Fahrgast bisher kannte und sonst dort auch noch nie gefahren bin.
Gemeinerweise waren durch die Bauarbeiten im Bahnhof Prien nur noch zwei Gleise nutzbar, die ich auch beide benötigte. Die Lok stand noch Richtung Salzburg. Also musste der Hilfsgerätewagen aus dem Gleis, wo er benötigt wurde, rausrangiert werden und in einem der beiden noch freigegebenen Gleise abgestellt werden, sodass ich mit der Lok über das zweite Gleis umfahren kann. Dann folgte nach dem Kuppeln eine Bremsprobe und dann ging es auch schon mit grüner Welle bis nach München. Dort angekommen musste der Wagen wieder in sein Gleis geschoben werden. Gerade weil geschobene Rangierbewegungen nicht zum täglichen Geschäft gehören, finde ich es jedes Mal auf's neue arg gewöhnungsbedüftig, dass jetzt jemand anderes meine Augen sein muss und mir lediglich über eine Sprechfunkverbindung Anweisungen gibt. Aber der Wagen kam heil in seinem Gleis an, kaputt hab ich auch nichts gemacht, also dürfte nichts falsch gemacht haben.