Freunde werden wir wohl keine mehr

Wer meine Lebensgeschichte schon wirklich lange, also wirklich wirklich lange kennt, der weiß, dass ich schon einmal in dieser Stadt lebte. Damals vor fast 11 Jahren war mein Aufenthalt zwar auf 6 Wochen begrenzt aber dennoch war eigentlich klar: Es soll nicht sein.

Nennt mich unbelehrbar, aber ich wollte dieser Stadt noch eine Chance geben. Ein aus privaten Gründen nicht näher zu nennender Anlass gab den nötigen Impuls einen Tapetenwechsel vorzunehmen. Also weg aus dem beschaulichen Dorf Maisach, ganz in der Nähe von München und noch mal rein ins wilde Getummel, in eine Stadt die scheinbar nie wirklich schläft, ab nach Berlin.
Der Wechsel bei meinem Arbeitgeber war relativ schnell und unkompliziert eingetütet. Aber schon die Wohnungssuche gestaltete sich frustierend. Doch Glück im Unglück: Es fand sich zur rechten Zeit eine Wohnung. Hätte ich doch nur geahnt, wie sehr mich diese Stadt, mal wieder, nerven würde. Von Woche zu Woche, von Monat zu Monat mehr.

Angefangen bei so einfachen Tätigkeiten wie einer Ummeldung scheint Berlin heillos überfordert. Einen Termin? Bekommt man irgendwann. Wenn man Glück hat. Das Bürgertelefon verweist auf die Internetseite und die? Kennt keinen freien Termin. Hin und wieder springt mal einer ab und zu immer wieder unterschiedlichen Zeiten blockweise Termine einzelner Ämter und Bürgerbüros freigegeben. Zu oft darf man das Terminportal aber auch nicht neu laden. Schnell wird man ausgesperrt und darf von der Strafbank aus seine Zeit absitzen, bis man wieder einen Blick auf den Terminkalender werfen darf. Man verabschiedet sich frustriert bereits vom Gedanken, man könne seine Amtsgeschäfte in der Nähe seiner Wohnung erledigen. Man hofft nur noch, dass es nicht unbedingt ein Rathaus am anderen Ende der Stadt wird und dass man auch mit den Öffentlichen gut hin kommt. Gerade für mich, der seit nunmehr 8 Jahren auf ein eigenen PKW verzichtet.

Vielleicht macht das den Charme dieser Stadt so sehr aus, dieser stete zivile Ungehorsam. Das wurde mir vor allem auch durch die, leider noch immer, grassierende Pandemie so wirklich bewusst. Menschen, die von Gesetzen, Verordnungen oder Hausordnungen nichts wissen wollen. Bettler werden in den Zügen und Bahnhöfen der Hauptstadt scheinbar geduldet. Am Vormittag trotz anders lautender Verordnungen in aller Öffentlichkeit in größerer Gruppe ein Bierchen zischen? Interessiert auch niemanden.
Versteht mich nicht falsch, mir ist es sch***egal, wenn sich jemand über Recht und Ordnung stellen will. So lange, wie ich davon weder direkt noch indirekt betroffen bin.
Gerade jetzt, wo seit etlichen Monaten gebetsmühlenartig der Zusammenhalt propagiert wird, an die Vernunft der Leute appeliert wird, zeigt mir diese Stadt täglich und frech, dass der Egoismus herrscht. Ob man dadurch ein Risiko für andere darstellt? Egal, meine Freiheit zählt! Die Vernunft der Mehrheit? Geht in der Masse unter.

Diese Stadt ist weit bekannt für ihren rauen Umgangston. Er färbt ab. Ich erwische mich selbst, wie ich ihm verfalle und ihn selbst annehme. Das ist nicht meine Art. Vermeiden lässt es sich nicht wirklich. Außer man ist gewillt, das Verhalten anderer zu dulden und über sich ergehen zu lassen, auch wenn es einem zuwider ist, man sich gar einschränken muss.
Dass ich dieser Stadt seit langer Zeit schon sehr skeptisch gegenüberstehe, ist vermutlich nur wenigen bekannt. Es gab dazu vor langer Zeit sogar mal einen Blogeintrag dazu. Die Zeit hat viele Wunden geheilt und doch, wirklich wohl fühle ich mich hier nicht mehr. So oft, gerade jetzt, wo das Wetter den Aufenthalt im Freien wieder angenehmer macht, finde ich mich selbst in Situationen wieder, die mir nicht gefallen, in denen ich mich absolut unwohl fühle. Natürlich könnte ich der jeweiligen Situation entfliehen, müsste mich dafür aber selbst einschränken, verzichten, zusätzlichen Aufwand in Kauf nehmen. Nur dafür, dass sich einige wenige, in ihren Gruppe und unter Einfluss verschiedener Rauschmittel Freiheiten nehmen und mit ihrem Verhalten auffallen, gar andere belästigen können.

Ob ich übertreibe? Möglich. Sehe ich zu sehr das Negative und achte zu wenig auf das Positive? Will ich nicht abstreiten. Aber ich weiß auch selbst, ich brauche meine Entschuldigung, meine Gründe für mein Handeln. Ich will nicht abstreiten, dass diese Berlin auch positive Seiten hat. Das hat die Stadt definitiv und in den Genuss einiger weniger konnte ich auch im letzten Jahr kommen. Aber trotzdem fehlt mir hier einfach das gewisse Etwas um hier wirklich sesshaft werden zu wollen. Nach nun 18 Monaten ziehe ich die Reißleine und sage: Berlin -  für mich kein place to be. Zu sehr fordert die Stadt und die Menschen, die Berlin ausmachen, Verhaltens- und Charakterzüge, mit denen ich mich nicht wohlfühle. Die Zelte werden daher abgebaut, die Reise geht weiter. Vielleicht passt Elbflorenz besser zu mir. Die Hoffnung ist groß, möchte ich doch gerne sesshaft werden.

Hendrik Hähnel

Hendrik Hähnel