München war gestern laut, München war gestern schrill und München war gestern vor allem eines: Bunt.

Gestern fand die 40. CSD Politparade in der Münchner Innenstadt statt. Sie stand dieses Jahr unter dem Motto "50 Jahre Stonewall", im Gedenken an den New Yorker Aufstand gegen die Diskriminierung und für die Gleichberechtigung und Anerkennung der Homosexuellen vor 50 Jahren.

Auch wenn Petrus dem diesjährigen Münchner CSD einen ordentlichen Strich durch die Rechnung gemacht hat, war die Stimmung  bombastisch und hat dennoch viele nicht davon abgehalten, zur Parade zu gehen und dem Umzug zuzuschauen und wer einmal durch die Reihen der Besucher geschaut hat, fand das Publikum, den diese Parade ansprechen soll: Jeden. Ohne Hass, sondern mit viel Spaß und Freude in den Gesichtern.
Ein großes Highlight war, auf dem Wagen vom Railbow Netzwerk, der Heiratsantrag eines Kollegen an seinen Freund.

Er hat "Sí" gesagt. 😍

Immer wieder werden, in vielen westlichen Ländern, aber Kritiker laut. Wenn die LGBTQI+-Community ihren CSD, ihre Politparade, ihre Gay Pride haben, dann solle es doch auch eine Straight Pride geben. Auch den Vorwurf, man habe doch bereits alles für die Gleichberechtigung erreicht ist oftmals zu hören, aber auch die Kommerzialisierung wird oftmals bemängelt.

Ich denke hinter die erste Kritik kann ich direkt mal einen Haken machen. Jeder, der sich mit der Geschichte der Gay Pride, dem Christopher Street Day, befasst, der wird relativ schnell bemerken, dass eine Straight Pride keine politischen Ziele verfolgen dürfte. Hetero ist in vielen Köpfen noch immer "die Norm". Einer Diskriminierung wohl eher kaum ausgesetzt. Weder hier noch anderswo.

Aber haben wir denn schon alles erreicht? Nein.
Es ist richtig, dass die LGBTQI+-Community bereits viel erreicht hat. Bis hierhin war es ein langer und schwerer Weg. Politische Entscheidungsträger haben oftmals Widerstand geleistet. So wurde erst 1994 in der gesamtdeutschen Gesetzgebung eine einheitliche Regelung zum Schutzalter, welches nun für Hetero-, als auch Homosexuelle gleichermaßen gilt, verabschiedet. Bereits 1957 bzw. 1969 wurde das Gesetz, welches sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe stellte, mehr oder weniger in beiden deutschen Republiken abgeschafft. Wer erinnert sich nicht an die Worte unserer Kanzlerin, sie bekäme "Bauchschmerzen", wenn sie daran denke, dass Andersliebende Kinder großziehen würden. Ich möchte nicht unbedingt sagen, dass sie ihre Meinung geändert hat. Aber ihre Forderung nach einer Gewissensentscheidung, nach einer freien Abstimmung wurden, auch in Ihrer Partei, erhört und führten 2017 zum Beschluss, dass die Ehe nun für alle ermöglicht wird. Ein sehr großer und wichtiger Schritt zur Gleichberechtigung.
Es geht der Community aber nicht nur um die gleichberechtigte Anerkennung vor dem Gesetz. Es geht der Community auch um die Anerkennung in der Bevölkerung. Ich will jetzt nicht sagen, dass man mit der LGBTQI+-Community besonders sympathisieren muss, aber wird sind noch lange nicht an dem Punkt angekommen, dass zwei Männer, die Händchen halten, überall "gesellschaftsfähig" sind. Das konnte ich gestern noch im Zug vernehmen. Diese Akzeptanz gilt es in der Bevölkerung zu erreichen. Die LGBTQI+-Community schaut aber auch über den Tellerrand. Noch immer gibt es Länder, in denen Homosexualität strafbar ist oder sogar die Todesstrafe verhängt wird. In eben jenen Ländern ist es aber unmöglich, dass sich eben jene Betroffene selbst die Stimme verschaffen können, mit der sie und ihre Forderungen erhört werden.

Zurück zum Thema Akzeptanz in unserem Land. Denn auch wenn diese noch nicht jeden Teil der Bevölkerung erreicht hat, so ist es, besonders für den Ort, wo wir die meiste Zeit unseres Lebens verbringen, wichtig, die notwendige Unterstützung erhalten. Ich rede von der Arbeit. Ich bin mit jedem einer Meinung, die sexuelle Orientierung hat am Arbeitsplatz nicht unbedingt etwas verloren. Aber man redet in der Arbeit immer auch mal über private Themen, man geht nach dem Dienst noch mit Kollegen in den Biergarten oder unternimmt in der Freizeit gemeinsam was. Egal ob Weihnachtsfeier, Teamveranstaltungen oder Ausflüge. Immer wieder vermischt sich unser Arbeitsleben mit unserem Privatleben und genau in dieser Schnittmenge möchte sich auch niemand verstecken müssen, aus Angst, eine schlechtere Zusammenarbeit mit den Kollegen zu haben, oder bei möglichen Beförderung wegen des "Anders seins" ausgeschlossen zu werden. An dieser Stelle sind die Arbeitgeber, die Unternehmen, gefordert und müssen sich entsprechend positionieren. Es geht dabei nicht um Quoten und auch nicht darum bevorzugt zu werden. Es geht nur darum, dass die Qualifikation, das Engagement, gleichwertig, ob Frau oder Mann, ob hetero- oder homosexuell, ob transgender oder transsexuell, bewertet werden und jeder die gleiche Chance hat. Natürlich ist man als Mitarbeiter stolz, wenn man sich in Netzwerken im Unternehmen zusammen findet und mit der Arbeit auch in diese Richtung etwas bewirken kann und eine Unternehmensleitung dazu bewegt, sich Gleichberechtigung und Diversität auf die Agenda zu schreiben. Genau hier wird aber oftmals das Engagement der Mitarbeiter in den Netzwerken und die Unterstützung des Arbeitgebers mit Kommerzialisierung verwechselt. Als Mitarbeiter bin ich doch stolz auf meinen Arbeitgeber, diese Unterstützung zu erhalten und natürlich möchte ich doch auch nach außen hin zeigen, dass mein Arbeitgeber mich und meine Kollegen so akzeptiert, wie wir sind. Deswegen gibt es doch erst bei Modeherstellern die verschiedensten Pride-Kollektionen, welche auch erst durch den unermüdlichen Einsatz der Mitarbeiternetzwerke entstanden sind, und wenn man als Netzwerk an den CSDs dieses Landes teilnehmen möchte, dann freut man sich doch erst recht, wenn der Arbeitgeber hierfür Unterstützung zusagt. Damit können Arbeitnehmer und Arbeitgeber gleichermaßen präsentieren: Schaut her, solange du deine Arbeit gut machst, ist uns egal, wer du bist und wie du bist. Du bist einer unserer Kollegen und bei uns bist du ein Teil vom Unternehmen. Egal wen du liebst und wie du liebst. Das regt auch andere Unternehmen an, sich der Diversität seiner Mitarbeiter zu verschreiben und hilft den Mitarbeitern in ihren Netzwerken, mit der Unterstützung des Arbeitgebers, mit ihrer Forderung nach Gleichberechtigung und Akzeptanz, gehört zu werden. Außerdem setzt es ein Zeichen: Intoleranz und Diskriminierung haben bei uns keinen Platz.

Zum Abschluss möchte ich, als Mitarbeiter des Konzerns Deutsche Bahn, den Kollegen vom Railbow Netzwerk für ihren unermüdlichen Einsatz danken. Für ihren Einsatz, dass sie das Thema Diversität bis an die Konzernspitze getrieben haben. Dafür, dass alle Railbower nun auch den Rückhalt aus dem Vorstand haben und sich eben jener auch zu den Mitarbeitern in all ihrer Vielfalt und Diversität bekennt.

//EDIT: Wie richtig erkannt wurde spiele ich bei dem gestrichenen Gesetz auf den § 175 an. Die Jahreszahlen geben nicht die Streichung des Paragraphen an, sondern lediglich den Zeitpunkt, ab dem jenes Gesetz strafrechtlich nicht mehr verfolgt wurde, bzw. durch andere Gesetze entschärft wurde. Das Gesetz, welches den Geschlechtsverkehr zwischen zwei Männern gleichsetzte mit Unzucht mit Tieren, wurde erst 1994 aus dem Gesetzbuch entfernt.