Das Knasttagebuch

Das Knasttagebuch

Tag 0

Hoi đŸ™‹đŸŒâ€â™‚ïž

Zwei Jahre und drei Monate gibt es in den Medien tagtÀglich von einem neuartigen Virus zu hören. Heute hab ich nun die BestÀtigung: Ich hab's mir auch mal zugelegt.

Nach meiner Schicht wollte ich zu meiner besseren HĂ€lfte zum Mittagessen. Auf dem Weg dahin bin ich noch fix durch ein Testzentrum durchgeschneit. Warum? Naja, Ende vergangener Woche fĂŒhlte ich mich krĂ€nklich. Also wirklich reine ErkĂ€ltungssymptome, also auch mal zur Sicherheit einen Test machen. Der war dann aber negativ.
Mittlerweile geht es mir aber wieder richtig gut. Also war meine Hoffnung: Wird schon nix sein. So liege ich dann bei meiner besseren HĂ€lfte auf dem Sofa, wĂ€hrend er durch die KĂŒche wuselt. Bis die E-Mail aus dem Testzentrum eintrudelte. GlĂŒckwunsch, Hendrik, du bist positiv.

Mein Freund hielt mich auf, bevor ich jetzt umgehend den Heimweg antrete. Er macht jetzt erstmal selbst einen Test und nach wenigen Minuten war klar: Wir sind zu zweit im Team Corona.

Der PCR-Test ist gemacht, der KĂŒhlschrank ist voll. Mal schauen, ob sich morgen das Gesundheitsamt bei mir melden wird. Wenn der PCR-Test auch positiv ist: Freut euch schon auf "Das Knasttagebuch" Tage 1 bis 7+.

Tag 1

Endlich mal wieder ausschlafen. Der 2:40 Uhr Wecker war das Erste, was ich gestern gelöscht hatte. Meine Schicht hat ein anderer Kollege vererbt bekommen. Um 9 Uhr bin ich dann mal vorsichtig aus dem Bett gekrabbelt. Ein bisschen verschnupft aber sonst ohne Symptome ging es in Bad und dann in die KĂŒche an den FrĂŒhstĂŒckstisch. Von dort aus ging es ohne Umwege auf die Couch. Ich wollte schon seit lĂ€ngerem mal "Der Ranger - Paradies Heimat" von der ersten Episode an schauen. Immerhin hat man die Serie ja hier in der Umgebung gedreht!
Am frĂŒhen Nachmittag kam dann per E-Mail die BestĂ€tigung: Der PCR-Test vom Montag ist positiv. Mit anderen Worten: Ich bin dann bald geimpft, geboostert und genesen.
Gilt die Genesung dann eigentlich auch wie eine Impfung? Frage fĂŒr meine Gratis-Bratwurst-Stempelkarte.

Das bedeutet nun aber fĂŒr mich mit Gewissheit: Vor dem 28. Februar werde ich meine Wohnung nicht mehr verlassen dĂŒrfen. Also hab ich die Kollegen in der Dienstplanung schon mal informiert, dass ich am Montag RĂŒckmeldung geben werde, ob ich dann wieder zum Arbeiten kommen darf. Am Abend ließ dann auch noch mein Geruchssinn nach. Ich hoffe nur, dass der leichte Schnupfen daran schuld ist.

Tag 2

Verdammt. Ich hab ja fĂŒr morgen einen Azubi. Na gut, dem kann ich ja nun absagen. Zu klĂ€ren, wie es fĂŒr ihn weitergeht gestaltet sich allerdings sehr schwierig. Immerhin bin ich nicht dein Einzige in "Absonderung". Nebenbei kĂŒmmere ich mich noch um Dokumente fĂŒr den Betrieb, die mein Teamleiter fĂŒr mich einreicht.
Die Sorge, dass mein Geruchssinn nun in Mitleidenschaft gezogen wird, bestĂ€tigt sich zum GlĂŒck nicht. Zwar nehme ich nur intensive GerĂŒche gut wahr, aber mit etwas Konzentration kann ich auch leichtere GerĂŒche wieder wahrnehmen, auch wenn ich sie nicht immer zweifelsfrei zuordnen könnte.

Ansonsten ist die Jogginghose auch heute wieder mein bester Freund. Streaming und meine Spielekonsole bringen mich irgendwie durch den Tag. Dazwischen mal was lesen oder ein bisschen Radio hören.

Tag 3

Mittlerweile scheint der Streaminganbieter meines Vertrauens aufgegeben zu haben. Ob ich noch schaue fragt er schon lange nicht mehr. Aber das braucht er auch nicht. Aufwachen war heute nicht schön. Erst das Radio, dann der Nachrichtensender. Der Tag gehört nun erstmal dem aktuellen Geschehen in der Ukraine und der Weltpolitik. Bis mich das Thema zu sehr belastet. Also gönne ich mir eine Auszeit. Die Videokonsole und "Dudel-Funk" bringen mich auf andere Gedanken, ich tauche ab in meine eigenen kleine, virtuelle Welt um nicht den ganzen Tag nur den schlechten Nachrichten ausgeliefert zu sein.
Mittlerweile stelle ich fest, dass meine VorrĂ€te einige LĂŒcken aufweisen oder aufweisen werden, wenn ich nichts dagegen unternehme. Auch wenn ich mich bisher den Fahrrad-Lieferkurier-SupermĂ€rkten verschlossen habe, diesmal komme ich an ihnen nicht vorbei. Kein Mindestbestellwert (der einer bekannten Supermarktkette liegt bei 50€!) und zĂŒgige Lieferung wird versprochen. ZusĂ€tzlich gibt es fĂŒr die ersten Bestellungen Rabatt. Da schmerzt auch die LiefergebĂŒhr nicht und Trinkgeld kann ich dem Fahrer auch per App senden.
Generell bin ich in diesem Moment froh, dass ich in der Stadt wohne und selbst mit meiner persönlichen Ausgangssperre versorgt bin. GetrĂ€nke, Lebensmittel oder Drogerieartikel
 alles kein Problem. Zumal ich mich den Speiselieferdiensten versperren muss. Immerhin darf ich mich theoretisch an Tag 7 freitesten. Allerdings sollte ich dann auch noch durch die WohnungstĂŒr passen.

Tag 4

Die schlechten Nachrichten hören nicht auf. Ich gebe dem Nachrichtensender meiner Wahl eine Stunde mich auf den aktuellsten Stand zu bringen. Dann lese ich Hintergrundartikel und Meinungen zur Ukraine, zu Russland und den dortigen PrĂ€sidenten. Dann widme ich meine Spielekonsole und tauche fĂŒr einige Stunden mit anderen Spielern der Welt ab.
Mich ĂŒberkommt die Lust auf Pizza. Könnte es daran liegen, dass scheinbar irgendjemand den örtlichen Lieferpizza-Ketten und Lieferfutter-Plattformen gesteckt hat, dass ich Zuhause gefangen bin und die Wohnung nicht verlassen darf? Die tĂ€glichen und gefĂŒhlt immer aufdringlicheren Mails lassen die Vermutung zu. Aber ich entscheide mich gegen eine Lieferpizza. Egal ob heiß aus der Pappe oder tiefgekĂŒhlt vom Fahrradkurier vor die Wohnung gestellt. Ich ordere dafĂŒr etwas GemĂŒse, KĂ€se und Aufschnitt. Die Pizza wird selbst gemacht. WofĂŒr hab ich denn einen Pizzastein? Der Speiseplan fĂŒr's Wochenende steht also. Ach ja, welchen Tag haben wir heute? Stimmt! Freitag. Es fĂ€llt mir zunehmends schwer, den Überblick zu behalten. Lediglich der Blog hier hĂ€lt mich auf dem laufenden, zumindest, wann ich mich eventuell Freitesten dĂŒrfte.
Zum Abend hin lasse ich mich schon wieder zu viel von den Nachrichtensendern berieseln. Meine heutige Flucht? JĂ€hrlich wartet ein Web-basiertes Training auf meine Funktion als TriebfahrzeugfĂŒhrer. Quasi eine Art Wiederholung wichtiger betrieblicher Themen mit abschließender Lernerfolgskontrolle. Also hab ich das mal noch fix abgeschlossen. Damit hab ich das Thema wenigstens fĂŒr den Rest des Jahres vom Tisch.

Tag 5

Aufstehen. FrĂŒhstĂŒcken. Ins Wohnzimmer vor den Fernseher. Film oder Serie gucken. Oder an der Spielekonsole etwas spielen. Dann mal ins Arbeitszimmer, etwas Radio hören, im Internet lesen, irgendeinen Livestream ansehen und dann wieder ins Wohnzimmer. Zwischendurch mal ein wenig Sauber machen.
Ich prĂŒfe ob ich fĂŒr die Pizza alles da habe. Dann geht's das erste Mal an den Herd. Die Sauce fĂŒr die Pizza wird zubereitet. Wenig spĂ€ter geht es an den Hefeteig. Beim Kneten mit meinem RĂŒhrgerĂ€t beschleicht mich das GefĂŒhl, dass ich nur noch wenige Pizzateige kneten kann, bevor das GerĂ€t sich verabschiedet. Erste Rauchzeichen zeigen sich. Aber gut, es war eh ein billiges GerĂ€t einer Supermarktkette. Diesmal hat es nochmal durchgehalten, nachdem es auch schon beim letzten Pizzateig ziemlich "elektrisch" gerochen hat. Nachdem dann Ofen und KĂŒche auf Temperatur waren, konnte dann endlich das Werk des Nachmittags gebacken werden. Das Resultat: Leckere Pizza und ein satter Hendrik.
Mit noch mehr Videospiel ging es dann durch den Abend und schlussendlich ins Bett.

Tag 6

Lange hatte ich keinen Schnelltest mehr in der Hand. Nachdem die Testzentren ja wie Pilze aus dem Boden gewachsen sind, war es einfacher und gĂŒnstiger, dort einen Test zu machen. Also erstmal wieder reinlesen, wie das noch mal ging. Aha, also StĂ€bchen in die Nase, einmal durchfegen, in die FlĂŒssigkeit, bisschen umrĂŒhren, ausquetschen und dann auf den Streifen tröpfeln. Na mal schauen, ob ich an Tag 6 immer noch zwei rote Streifen malen möchte.

15 Minuten spĂ€ter die Erleichterung. Nur ein roter Strich. Dann kann es morgen zum Test gehen und dann wird mich hoffentlich die Freiheit wiederhaben. Heute wird aber erstmal noch die Couch gehĂŒtet. Irgendwas zwischen Nachrichten, Binge-Watching und Videospiele. Zum Abend hin noch zwei Filme und das war es fĂŒr den Tag schon. Obwohl das Wetter so schön draußen ist. Aber ist fĂŒr den Moment eben nicht.

Tag 7

FrĂŒhstĂŒck. Test. Freiheit.
Leute, das war's. Meine Gefangenschaft endete um 9:50 Uhr Ortszeit mit der Übermittlung des negativen Tests.